Ajahn Munindo

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ven. Ajahn Munindo

 

 

Die Freiheit des Leidens

 

 

Es kann eine ganze Weile dauern, bis wir herausgefunden haben, was der eigentliche Sinn der buddhistischen Praxis ist. Dieser Weg beinhaltet unzählige Doktrinen, Ansichtsweisen und Techniken - aber keine von diesen ist ein Ende in sich. Sie sind alle Teil eines übergeordneten Trainings, dass "Cittabhavana" genannt wird, oder auch "die Schulung des Herzens". Es gibt verschiedene Übertragungen des Wortes "Citta". Mal wird es als "Herz", "Aufmerksamkeit" oder auch "Bewußtsein" übertragen (Anm. des Übers.: im Deutschen sehr häufig auch als "Geist"). "Bhavana" bedeutet wörtlich "ins Dasein bringen". Cittabhavana könnte man somit also auch mit "Entwicklung der Aufmerksamkeit" übersetzen. Dieser Begriff ist offensichtlich für Ihre Täigkeit hier als Psychotherapeuten als auch für uns innerhalb unseres monastischen Trainings von zentraler Bedeutung. Gerade deshalb bin ich froh darüber, dass wir nun diese Gelegenheit gefunden haben, gemeinsam hierüber zu reflektieren.

Wie ich schon vorhin erwähnt habe, geschieht es leicht, dass es etwas dauern kann, bis wir begriffen haben, dass Achtsamkeit der Kern unserer Praxis ist. Es ist außerdem sehr wichtig, dass wir erkennen wie sich all die verschiedenen "hilfreichen Mittel" (upaya), die uns der Buddhismus zur Verfügung stellt, sich genau darauf beziehen.

In den 60ern und 70ern des vorigen Jahrhunderts reisten viele von uns nach Asien, um dort etwas anzutreffen, von dem wir un erhofften, dass es die innere Leere, die wir verspürten, auffüllen würde. Wir spürten, dass uns etwas innerlich fehlte. Unseren Erwartungen entsprechend trafen wir dort eine große Vielzahl an Systemen und Inhalten an, von denen manche hilfreicher als die übrigen Angebote waren. Manche von diesen waren buddhistische Klöster und Lehrer. Wir gingen davon aus, dass sie für uns diese wundervolle Idee und Vorstellung der "Erleuchtung" für uns bereithalten würden.

Wir waren unglaublich inspiriert und glaubten, dass wenn wir erst einmal diese "Idee" vollständig begriffen hätten, dann würden wir auf ewig von der inneren Leere als auch von jeglichen Leidensempfindungen befreit sein. Wir neigten dazu, dass was wir dort antrafen auf die selbe Weise anzugehen, wie wir unser bisheriges, alltägliches Leben bestritten hatten - und zwar als Konsumenten! "Wie kann ich erleuchtet werden? Was muß ich alles anstellen, damit ich diese "Leidensfreiheit" bekommen kann?"

Ich hörte einmal die Geschichte über einen jungen Westler, der ganz Südostasien bereist hatte und sich vor allem im Besonderen darum sorgte, dass er keiner geringeren als der allerbesten spirituellen Tradition beitreten würde. Also zog er von Lehrer zu Lehrer und befragte diese nacheinander. Jedem Einzelnen stelle er folgende Frage: "Was tat der Buddha unter dem Bodhi-Baum?" Ich stelle mir das Ganze in etwa so vor, dass er vorhatte alle Antworten am Ende miteinander zu vergleichen, um dann daraufhin seine Wahl zu treffen. Jeder Lehrer antwortete ihm nun also natürlich auf der Grundlage seiner jeweiligen Perspektive. Der erste war ein japanischer Lehrer, der in Bodhgaya lebte, und dieser sagte also: "Oh! Der Buddha machte Shikantaza!" Der nächste Lehrer antwortete: "Der Buddha praktizierte definitv Anapanasati!" Und ein anderer: "Der Buddha machte Dzogchen!" Und weiter: "Buddha saß in Vipassana-Meditation vertieft!" Als dieser Suchende schließlich Thailand besuchte und dort nun also Ajahn Chah befragte, was der Buddha denn unter dem Bodhi-Baum getan hatte, antwortete ihm Ajahn Chah: "Überall wohin der Buddha ging, war er unter dem Bodhibaum. Der Bodhibaum war ein Symbol für seine 'Rechte Ansicht'."

Immer wenn ich diese Geschichte erzähle, gefällt mir was sie in mir hinterlässt. Es kommt zu einer Umkehr der Aufmerksamkeit, und ich erinnere mich daran, was der essentielle Kern unserer Praxis ist. Ich erlebe daraufhin, wie ich zu dem Herzen der Übung zurückkehre, an den einzigen Ort, an dem meine Bemühungen wirklich dazu in der Lage sind, etwas zu bewirken.

Natürlich ist es verständlich, dass wir nicht gleich von Anfang an alles richtig machen und Energie damit aufbrauchen, indem wir an einer anfänglichen Vorstellung von "Erleuchtung" anhängen. Diese Vorstellungen sind das Saatgut, welche zu einer umfassenderen, tieferen Art zu Praktizieren ausreifen werden. Wir müssen begreifen, dass dieser Weg schlicht ein vollständiges Training zur Entwicklung von Achtsamkeit anbietet - nicht einfach nur eine Vorstellung von irgend etwas. Wir wenden uns zu diesem Training hin, ganz so als ob wir eine Einladung annehmen würden, in diesem Falle jedoch eine Einladung unseren eigenen wirklichen Platz in unserem Körper-und-Geist einzunehmen.

Der Pfad des Buddha ist keine Übung die daraufhin abzielt uns durch bloße Konditionierung in eine Form oder ein Verständnis von irgendjemand anderem einzupassen.

Achtsamkeit: Das Fassungsvermögen unseres Herzens

Ich halte es für hilfreich, Achtsamkeit als eine Art Fassungsvermögen anzusehen, wenn wir über unsere Übung kontemplieren. All unsere Erlebnisse und Erfahrungen werden durch unsere Achtsamkeit aufgenommen. Wie gut oder wie frei wir das Leben an sich empfangen, ist von dem Fassungsvermögen unseres Herzens (Citta) abhängig. Wir könnten auch sagen, dass es von unserem jeweiligen gelebten Grad an Achtsamkeit abhängig ist. Mit Hilfe dieses Modells können wir genauestens untersuchen wie, wo und wann wir unser Fassungsvermögen, Erfahrungen aufnehmen zu können, begrenzen; welcher Art diese Begrenzungen sind, die wir unserer Achtsamkeit auferlegen und wie sich das für uns anfühlt.

Einer der Chants, die wir in unserem Kloster regelmäßig rezitieren, lautet: "appamano Buddho, appamano Dhammo, appamano Sangho". Das Pali-Wort "appamano" bedeutet "grenzenlos, ohne Begrenzungen". Also lautet dieser Vers übertragen: "Der Buddha ist grenzenlos, das Dhamma ist grenzenlos, die Sangha ist grenzenlos." Eine Weise, in der wir den Buddha als frei von jeglichen Grenzen anzusehen, besteht darin, das große Maß seiner Achtsamkeit in unseren Blickwinkel zu rücken. Das Herz des Buddha verfügte über ein unbegrenztes Fassungsvermögen und dementsprechend war er dazu in der Lage, unbegrenzt viele Erfahrungen ohne den leichtesten Anflug von Streß oder Abneigung in sich aufzunehmen. Er bewegte sich jenseits aller ablehnenden Tendenzen, die der Achtsamkeit Begrenzungen hätten auferlegen können und verblieb somit völlig ungestört und ohne dass es ihn belastet hätte, gleich was auch immer seine Achtsamkeit passierte. Daher sagen wir: "Ich nehme Zuflucht zum Buddha." oder orientieren all unsere bewußten Bemühungen auf die Möglichkeit hin aus, über unbegrenzte Achtsamkeit zu verfügen.

Wir wissen, dass wir dies tun müssen, um aus dem qualvollen Gefühl des begrenzten Daseins heraus zu erwachen. Wir haben genug von der erniedrigenden Erfahrung "Das wird mir einfach alles zuviel! Ich halte das nicht mehr aus!". Daher ist es an der Zeit, dass wir unseren Geist schulen. Wir müssen verstehen, was dieses "Ich" eigentlich ist - dieses "Ich", dem alles zuviel ist. Die Art und Weise, wie wir den gegenwärtigen Augenblick erfahren, entspricht nicht besonders der Wirklichkeit - was gerade geschieht, ist wirklich. Die schmerzhaften und unangenehmen Beklemmungen, die wir gemeinhin versprüren, sind die Symptome für die Beschränkungen, die wir unserer Achtsamkeit auferlegen. Dieser Schmerz ist die folgerichtige Konsequenz, die auf unser gewohnheitsmäßiges Ergreifen und Anhaften folgt.

Von dieser Perspektive aus betrachtet, erkennen wir, dass wir für die entstandenen Begrenzungen unseres verantwortlich sind. Unsere verkrampften Herzen wurden uns nicht aufgedrängt. Wir erkennen allmählich, dass wir unseren Konditionierungen nicht hilflos ausgeliefert sind. Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, wenn mir manche Leute sagen: "So bin ich halt gemacht!" Als ob jemand anderes für das fehlgeschlagene "Design" verantworltich wäre! Wenn wir uns unsere Achtsamkeit also im Sinne eines "Fassungsvermögens" vorstellen, entdecken wir - sprichwörtlich "decken wir auf" - eine Möglichkeit zur Veränderung. Wenden wir uns diesem Gebiet mit anhaltender und sorgsamer Aufmerksamkeit zu, entwickelt sich allmählich eine ruhige Gewißheit, dass wir uns darin entwickeln können.

 

 

Aufmerksam sein

Im Reich des Sichtbaren, der Klänge, der Gerüche, der Geschmäcker, der Empfindungen und der geistigen Eindrücke kommen wir nicht darum herum, Reize, die unsere Sinne beeinflussen, zu empfangen. Unabhängig von unserem Lebensstil - sei es als Mönch oder Nonne, Psychotherapeut oder in irgendeinem anderen Berufsstand: Wir alle werden durch die vielfältigen Sinneseindrücke berührt. Und diese Eindrücke werden entweder empfangen oder nicht. Wenn wir starr an der Vorstellung festhalten, wir wären aus uns selbst heraus nur begrenzt dazu in der Lage diese Eindrücke aufzunehmen, dann fühlen wir uns durch das ständige Ringen mit ihnen gestresst und blockiert. Kontemplieren wir jedoch über die Möglichkeit, das Fassungsvermögen unseres Herzens zu öffnen und zu erweitern, bringt dies uns jenseits des Gefühls, dass wir eben nicht anders könnten, als zu leiden.

Sind wir ausdauernd und eifrig darin, dem Gefühl, Leiden zu müssen, mit Aufmerksamkeit zu begegnen, dann sind wir uns gerade jener Dynamik achtsam gegenüber bewußt, die das Leiden an sich erst erzeugt!

Wir bringen uns dadurch an den einzigen "Ort", von dem aus wir das Gefühl der Begrenztheit aufheben können.

Unsere ungeübte Aufmerksamkeit neigt sich verständlicherweise schnell in eine Richtung, die sich nur für die Erweiterung unserer Chancen und Gelegenheiten Vergnügen zu erleben interessiert. Es ist nur natürlich, dass sich eben der Teil unserer Persönlichkeit, der durch die sinnlichen Dinge angesprochen wird, der Fährte nachfolgen möchte, die die Sinne uns als die beste auf dem Weg hin zu vergrößertem Wohlbefinden empfehlen. Das heisst: fühlt es sich gut an, dann nimm es; wenn es sich jedoch schlecht anfühlt, dann lehne es ab! Dank unserer Lebenserfahrung wissen wir jedoch bereits, dass diese oberflächliche Sicht der Dinge nicht ausreicht - wir müssen tiefer gehen! Das soll nicht heißen, dass wir hier Verurteilungen anstellen möchten, sondern dass wir versuchen, uns in Übereinstimmung mit den wirklichen Gegebenheiten zu bringen. Niemand zwingt uns dazu, tiefer nachzuschauen, aber sollten wir das nicht tun, dann werden wir weit mehr durch die Herausforderungen des Lebens geplagt, als dies nötig wäre.

Hieran können wir erkennen, warum im Buddhismus eine so große Betonung auf "dem Leiden" liegt. "Rechte Achtsamkeit" die zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Stelle ist, legt offen, was wir tun, um das Gefühl der Begrenztheit aufrechtzuerhalten. Wenn wir erkennen, dass wir dafür verantwortlich sind, dann erkennen wir ebenso, dass wir uns auch dazu entschliessen können, es sein zu lassen. Was für eine Erleichterung!

Es liegt also bei uns, auf welche Weise wir unseren Problemen und Herausforderungen begegnen. Nehmen wir einmal unseren Körper als Beispiel. Eines Tages entdecken wir einen Knoten in unserer Achselhöhle, der sehr berührungsempfindlich und schmerzhaft ist. Es kann bis zu einem gewissen Grad durchaus sein, dass wir davon lieber gar nichts wissen möchten und es vermeiden, uns darüber allzuviele Gedanken zu machen. Jedoch sind wir uns alle darüber hier wohl im Klaren, was die gefährlichen Konsequenzen sein werden, wenn wir ein solches Zeichen einfach ignorieren. Etwas in uns weiß, dass dieser Schmerz eine Botschaft unseres Organismus ist, damit wir aufmerksam auf ihn werden. Wenn wir darauf mit dem angemessenen Interesse reagieren, dann kann zukünftiger Schaden vielleicht abgewendet werden. Wenn nicht, dann ist es eventuell notwendig, dass die Lautstärke der Botschaft zunächst noch etwas erhöht werden muß.

Während unserer Praxis des Aufmerksamkeits-Trainings lernen wir die Schmerzen in unserem Herzen auf die selbe Art und Weise zu "lesen", wie wir sonst unsere körperlichen Symptome interpretieren. Schmerzen des Herzens weisen darauf hin, dass wir aus einem bestimmten Grund irgendetwas ausweichen möchten - dem wir also nicht die angemessene Aufmerksamkeit entgegenbringen. Später werden wir erkennen, dass das uns ein wenig in Richtung Achtsamkeit geschubbst hat - anfänglich sind wir jedoch förmlich schockiert und leiden sehr darunter. Wir sollten uns dann erinnern, wie der Buddha zum ersten Male dem Alter, der Krankheit und dem Tod begegnet ist.

Beachten wir nun also diese Aufforderungen hin zu mehr Achtsamkeit und fühlen tief in uns hinein - also weichen wir nicht dem damit verbundenen Schmerz aus - dann können wir unsere inneren Widerstände erkennen. Wenn wir erst einmal bemerkt haben, wie wir diesen Prozeß am Laufen halten, kommen wir allmählich an den Punkt, von dem aus wir sehen können, was unser Schmerz, unser Leiden eigentlich ist. Insofern unsere Achtsamkeit sorgfältig ist, interessiert und ausreichend informiert, dann kommt es zu einer Lockerung unserer Vorstellung von begrenzter Aufnahmefähigkeit und ein neues Verständnis erscheint an Stelle dieser Begrenzungen. Wir erhalten so eine unerwartete Bestätigung dafür, dass bei jeglicher Ausweitung unseres Auffassungsvermögens das Leben zu empfangen, es im entsprechenden Maße zu einem Anwachsen unserer Erkenntnisfähigkeit, unseres "Scharfblicks" kommt.

In unserem weit geöffneten Herzen sind bereits die Fähigkeiten der Klarsicht und des angemessenen Empfindens enthalten. Lediglich das zwanghafte Aufstellen und Aufrechterhalten selbstbezüglicher Beschränkungen sorgt für das Entstehen unserer inneren Blockaden. Weitherzigkeit, ein vergrößertes Fassungsvermögen des Herzens, verfügt bereits über all das, was wir suchen. Erschwert wird es uns dadurch, dass wir es vorziehen, nicht durch die Tür mit der Aufschrift "Angst & Furcht" zu gehen, und uns somit beständig abmühen, in diese erweiterte Wirklichkeitserfahrung einzutreten. Gleichzeitig führen uns unsere Bemühungen, Weisheit zu erlangen und ein mitfühlendes Herz, wenn sie lediglich auf  bloßem Lesen und einem Leben voller Vermeidungsstrategien beruhen, einfach nur zu Frustration und Egozentrik. Deshalb sind unsere gegenseitigen Ermutigungen, diese Form der Übung sorgfältig zu kultivieren und durchzuführen, von so großem Wert!

 

 

Achtsam-sein ohne zu bewerten

Während wir daran arbeiten, über das Dasein voller eingefahrener Gewohnheiten und Unwissenheit hinauszugehen, werden wir irgendwann einmal einen Punkt erreichen, an dem wir uns förmlich dazu aufgefordert fühlen mögen, zu überprüfen auf welche Weise wir ein Gefühl von persönlicher Sicherheit empfinden - nämlich unsere Identität. Für alle von uns entsteht dies zu einem gewissen Maße dadurch, dass wir für oder gegen etwas, was gerade geschieht, Position beziehen.
Wir können diesen Entstehungsprozeß sehr gut an uns selbst feststellen, wenn wir in Bezug auf eine Erfahrung oder eine Fragestellung, die sich uns gerade präsentieren mag, voller Gewißheit sagen können, wie wir zu ihr stehen. Diese Fähigkeit gesicherte Unterscheidungen anzustellen ist eine normale Veranlagung unseres Wesens, erweist sich jedoch nur bis zu einem bestimmten Grad als angemessen. Denn sollte diese dskriminative Fähigkeit die Kontrolle über uns gewinnen und förmlich zu dem werden, was und wer wir sind - dann haben wir ein großes Problem! Es würde bedeuten, dass wir niemals davon frei wären, uns für diese oder jene Seite entscheiden zu müssen, diesem oder jenem zuzustimmen oder abzulehnen, selbst auf den subtilsten Ebenen. All das würde unseren Geist unablässig beschäftigen und dementsprechend wären wir auch nicht dazu in der Lage, einfach nur unserer Geistesaktivität gegenüber mit Achtsamkeit zu begegnen. Der Wunsch, uns mit ruhiger und stiller Untersuchung zu befassen, endet dann im Kampf mit unseren Widerständen und unserer Verwirrung.
Hierbei ist es hilfreich zu bedenken, welche Auswirkungen all die Botschaften auf uns hatten, die wir früher erhielten, wenn es darum ging, uns die Erscheinungsweise der höchsten Wirklichkeit zu erläutern. Denn was kommt beispielsweise dabei heraus, wenn sich nicht die Idee durchsetzen konnte, dass "Gott" Liebe bedeutet, die höchste Wirklichkeit in jeder Existenzform all-durchdringend und all-umsorgend enthalten ist - sondern stattdessen das Bild eines Gottes, der auf immer und ewig annimmt und zurückweist, und das irgendeinem verborgenen Plan gemäß, auf den wir keinen Einfluß nehmen können. Das Bild eines omnipotenten Wesens, das die einen oben bei sich aufnimmt und die übrigen nach unten schickt - für immer? Das Ergebnis hiervon wird sein, dass die höchste Ebene unserer Psyche ununterbrochen selektiert und wir effektiv in einem immanent frustrierenden Prozeß gefangen sind. Wir sind dann in einem Zustand chronischer Belastung.
Es gibt keine Möglichkeit von Freiheit innerhalb einer derart konditionierten Sichtweise. Es ist von großer Wichtigkeit eben genau das zu untersuchen. Stellen Sie sich beispielsweise einmal vor, was geschieht, wenn wir müde sind oder uns unwohl fühlen und wir somit nicht besonders in Verbindung mit Mitgefühl stehen. Wir werden uns in diesem Zustand nicht empfangen können, wenn gewohnheitsgemäß das Parteiergreifen für "Gut" und gegen "Schlecht" dominiert. Alles was wir dann tun, geschieht aus einem zwanghaft Urteile-fällenden Geist heraus: "Ich sollte nicht so sein!" Es ist eine reine Gewohnheit, dass wir unsere Identität dadurch versuchen zu finden, indem wir unablässig Ansichten für oder gegen bestimmte Sinnensempfindungen aufstellen. Dieses Muster hält uns gefangen, bindet uns an ein eingebildetes Programm, das im höchsten und absoluten Sinne von uns als richtig und der Wahrheit entsprechend empfunden wird. Aber was soll denn daran richtig sein?
Eine Identität aufzubauen, indem wir mittels dieser konditionierten Geistesaktivität Sicherheiten suchen, ist das Gegenteil des spirituellen Weges, der daraufhin abzielt Wohlempfinden und Identität in nichts anderem zu entdecken, als: Achtsamkeit. Diejenigen also, die sich dem "Erwachen" verschrieben haben, bewegen sich jenseits dieser derartigen Suche nach einer Identität, die aus starren Ansichten und Meinungen heraus erwachsen ist. Sie gehen durch die unsichere und unbekannte Welt des Nicht-Wissens hindurch. Nicht-Wissen meint hier: bezüglich ihres Standpunktes und somit erreichen sie letztendlich eine nicht-urteilende Achtsamkeit. Sobald wir nicht mehr wissen müssen, wer wir sind oder eine Absicherung suchen, ob wir nun im Recht sind, sondern lediglich den gegenwärtigen Augenblick aus der Freiheit der Achtsamkeit heraus empfangen können - eben so wie er sich uns darbietet -, eben dann lassen wir auch unsere Abhängigkeit von Gewißheiten zusammen mit ihren Vorhersagbarkeiten und den so begrenzten Möglichkeiten los. Unser Leben wechselt im Gesamten in einen neuen Modus Über. Wir brauchen nicht länger eine Garantie dafür, ob unsere Gruppierung die beste ist, oder alles letztendlich schon gut ausgehen wird. Wir können nun Unsicherheit tolerieren - und das ist auf eine wundervolle Weise befreiend. Wir entdecken die Möglichkeit in die Lage versetzt zu sein, all den verschiedenen Abläufen unserer vollkommen unsicheren Welt zu entsprechen, ohne dadurch gleichzeitig in achtlose Beurteilungen getrieben zu werden.

Die Aktivität der Achtsamkeit

Während wir die Erforschung unseres Geistes fortführen, werden wir ab einem bestimmten Punkt sehen können, wie all das Aufnehmen und Auswählen der Sinneseinflüsse ganz einfach eine Aktivität ist, die innerhalb unserer Achtsamkeit abläuft.
Während des allerersten Gesprächs, das ich mit meinem ersten Lehrer, dem ehrw. Ajahn Thate in Thailand führte, wurde mir von ihm aufgetragen, dass es ab nun meine Aufgabe sei, den Unterschied zwischen den Aktivitäten, die innerhalb von Achtsamkeit stattfanden und der Achtsamkeit an sich sehen zu lernen. Ende des Gesprächs!
Diese Unterweisung liegt noch immer meiner gesamten Praxis zugrunde. Ich fühle mich glücklich, dass ich eine solch klare und einfache Anleitung erfahren konnte. Das, was uns diese Lehre nahe legt, hilft uns dabei, die Annahme hinter uns zu lassen, dass wir selbst die Aktivität seien, die stattfindet. Durch Übung können wir unsere Fähigkeit erweitern, all die Inhalte unseres Geistes - mitinbegriffen das Aufnehmen, Auswählen, Bewerten usw. - als natürliche Wellen anzusehen, die den Ozean der Achtsamkeit durchqueren, der unser Leben ist.
Wir sind so auf wohltuende Weise davon abgeneigt mit dem in Kampf zu treten, was auch immer in uns entstehen mag. Stattdessen wissen wir, dass der beurteilende Geist nun einmal so ist. Es ist eine natürliche Aktivität - keine Beschuldigungen, kein Position-Beziehen für oder gegen den urteile-fällenden Geist oder andere Formen von Aktivität. Werden wir uns darüber bewußt, dass Abneigung darüber in uns entsteht, eine bestimmte Meinung zu ergreifen, über etwas, das wir zum Beispiel gerade sehen, dann erinnern wir uns daran: "Nicht den urteile-fällenden Geist beurteilen!" Wir müssen wirklich sehr genau und subtil diesbezüglich werden.
"Weises reflektieren" in Verbindung mit Achtsamkeit ist sehr kraftvoll und inspiriert. Es ist genau diese Art Achtsamkeit, die allmählich unsere falsche Sichtweise über Identität auflöst und so offen legt, was wir wirklich sind: immanent endliche, konditioniert-bedingte Wesen. Was unsere Übung anbelangt, so verpflichten wir uns zu jener Praxis, die versucht achtsam jeder Form von (innerem) Kampf zu begegnen, sobald er empfunden wird.
Ist es uns möglich, unserem Ringen während jedem einzelnen Moment gegenüber bewußt zu sein - und weiter noch: uns daran zu erinnern, über genau dieses Ringen keine Urteile zu fällen - dann werden wir uns in eine Form der Achtsamkeit emporgehoben fühlen, die bereits über das Verständnis und das Feingefühl verfügt, welches "Loslassen" erst bewirkt. Denn das Loslassen geschieht - es ist nichts, was wir mit Absicht tun könnten. Es ist vielmehr durch unser Nicht-Handeln bedingt - dadurch, dass wir weder eine Haltung "Für" noch "Gegen" beziehen. Der weiterführende Weg wird dann klar ersichtlich.
Meiner Ansicht nach werden wir weder als Meditierende noch als Psychotherapeuten besonders weit kommen, solange wir uns nicht mit der Realität des Nicht-Urteilens gut vertraut gemacht haben. Ohne einen solchen Zugang werden wir ganz einfach nicht über den notwendigen inneren Raum verfügen, den man braucht um die Intesität des Dilemmas auszuhalten, mit dem ein Leben, das sich der Transformation verschrieben hat, mit großer Sicherheit konfrontiert wird. Sind wir hingegen mit dem Geist vertraut geworden, der keine Urteile fällt, dann kennen wir ebenso auch den Ort der Überwindung, den Ort der Spontaneität, der Kreativität, der Intelligenz. Dort existiert bereits genau das, wonach wir suchen. All unsere weisen Worte sind so lange nicht mehr als bloßes Imitieren, bis wir eben diese Ebene betreten haben. Sobald wir anfangen zu reden, werden wir immer nur andere zitieren.

Der Faktor der Beweglichkeit

Während unserer Praxis der Kultivierung des Weges wird es von Zeit zu Zeit vorkommen, dass wir uns auf unangemessene Weise in einer bestimmten Art der Praxis bequem einrichten. Es kann dann passieren, dass wir uns in einem Gefühl der Mittelmäßigkeit und der Langeweile abgleiten, wenn wir nicht aufmerksam genug sind, diesen Prozeß zu bemerken. Genau deshalb werden wir dazu ermutigt unserer Achtsamkeit gegenüber Beweglichkeit zu entwickeln, um dadurch in der Lage zu sein, die gegensätzlichsten Umgebungen und Umstände zu betreten und auch wieder verlassen zu können. Wir vermeiden es dann, uns nur in Bereichen aufzuhalten, bei denen wir uns gewiß sein können, ganz gut klarzukommen. Das bezieht sich in gleichem Maße auf unsere innere Welt als auch unser äußeres Leben.
Eine Möglichkeit dieses Prinzip der Gegensätze zu vertiefen, bietet sich uns, wenn wir untersuchen auf welche Art und Weise Kinder lernen und sich fortentwickeln. Eltern versorgen ihre Kinder mit den gegensätzlichsten Erlebnissen, Erfahrungen, Farben und Gegenständen, die allesamt die Entwicklung ihrer Intelligenz anregen. Ohne einen solch angemessen kontrastreiches Input-Spektrum, verlieren die Kinder ihre Neigung hin zu Fantasie und Vorstellungsvermögen durch die schlichte Wiederholung und Gleichförmigkeit familiärer Routinen. Voraussichtlich werden sie dadurch schlicht und einfach intelektuell verkümmern.
Wir können uns auch Gedanken über eine Redewendung machen: "Eine Abwechslung ist ebensogut wie ein Nickerchen!" Darin steckt viel gesunder Menschenverstand. Wir fühlen uns erfrischt, wenn es zu einer spürbaren Veränderung unseres Tuns kommt, da wir uns aus einem Zustand des "Immergleichen" befreien, an den wir bisher gewöhnt waren - und das selbst dann, wenn wir das, mit dem wir es nun zu tun bekommen, nicht besonders mögen. Ändern wir das, was wir bisher getan haben, werden wir durch unser eigenes Interesse und unseren natürlichen Enthusiasmus mit Energie versorgt. Und über Energie verfügen wir bereits in ausreichendem Maße. Das zeigen uns die plötzlich auftauchenden Leidenschaften, jedoch da wir übermäßig versteift in den Mustern unseres Alltags sind, sind wir dermaßen unbeweglich, dass wir den Zugang zu unserer "Energiezufuhr" verloren haben. Wir erhalten neuen Zugang zu unserer natürlichen Energie, wenn wir uns also den unterschiedlichsten Einflüssen unterziehen. Verstehen wir diese Dynamik jedoch nicht, dann fangen wir vielleicht an daran zu glauben, wir seien ungenügend. In der Folge begeben wir uns auf die endlose Suche nach immer neuen Stimuli.
Es ist notwendig, zunächst unsere eigene Verfassung zu kontemplieren, solange, bis wir für uns herausgefunden haben, auf welche Art Interesse und Vitalität erzeugt werden. Kürzlich kam ein befreundeter Fotograf in unser Kloster, um Bilder für den nächstjährigen Kalender zu machen. Seine Arbeiten sind wunderschön und ich bin voller Bewunderung für den Reichtum und die Tiefe, die ihm mit diesen Bildern gelang. Das grundlegende Element, die dabei diese Fülle hervorruft, ist Kontrast.
Indem wir unserer gewohnten Neigung nachfolgen, uns immer eben dort aufzuhalten, wo wir uns sicher fühlen, und Herausforderungen deshalb meiden, da wir der Vermutung erliegen, wir seien ungenügend, ist Mittelmäßigkeit vorprogrammiert. Selbst wenn wir versuchen, uns für eine Weile mit Anreizen und Zerstreuungen zu beschäftigen, wissen wir dennoch, dass dies nicht der Weg sein kann. Dadurch das wir dieses Prinzip des Kontrastes in unserer Praxis kontemplieren, ermutigen wir uns selbst dazu, uns in Situationen zu begeben, in denen wir uns nicht sicher fühlen. Wir tun dies, da wir voller Interesse sind und erwacht leben möchten.
Ich hörte einmal einen bekannten englischen Judo-Meister darüber reden, auf welche Weise sein Lehrer ihm Anweisungen gab. Ebendieser Lehrer bemerkte einmal, daß sein Schüler alle möglichen Wettbewerbe allein dadurch gewann, indem er einen ganz bestimmten Wurf ausübte - und diesen immer über seine rechte Seite ausführte. Also sagte ihm sein Lehrer, er solle nun für ein Jahr damit aufhören, die rechte Seite zu benutzen. Darauf folgte eine ganze Reihe demütigender Niederlagen, aber letztendlich gelang es dem Schüler, die Fähigkeit zu entwickeln, seinen erfolgreichen Wurf mittels der linken Seite auszuführen. Von da an war ihm die Weisheit seines Lehrers bewußt. So lange er lediglich mit der Rechten seinen Wurf ausführen konnte, war er verletzlich, und es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand anderes seine Schwäche entdecken und ihn dadurch bezwingen würde. Mit der neu erworbenen Flexibilität jedoch, nun auch über die andere Körperseite zu kommen, war er unschlagbar.
Die meisten von uns haben nicht das Glück, mit einem wachsamen Meister zusammenzuleben, der unsere Neigungen erkennt, dadurch ins Ungleichgewicht zu geraten, indem wir uns auf unseren Stärken ausruhen. Deshalb ist es notwendig uns selbst zu überprüfen. Und dabei brauchen wir die Fähigkeit innerer Flexibilität, innerer Beweglichkeit. Die formale buddhistische Lehre hierüber ist als "Die vier Grundlagen der Achtsamkeit" (Satipatthana) bekannt. Ohne diesesmal allzu tief in diese Lehre vorzudringen, ist es gut, sich hier ein wenig auf sie zu beziehe. Die Unterweisung, die für uns darin enthalten ist, ist eine detaillierte Beschreibung der Techniken und der Vorzüge, die aus der Entwicklung der Achtsamkeit in vier Bereichen erwächst:

  • Achtsamkeit in Bezug auf den Körper (kayanupassana);
  • Achtsamkeit in Bezug auf das Gefühl (vedananupassana);
  • Achtsamkeit in Bezug auf den Geist, das Bewußtsein oder das "Herz" selbst (cittanupasanna);
  • Achtsamkeit auf die Gesetzmäßigkeiten oder Muster der Realität, die den Weg zum Erwachen hin betreffen (dhammanupasanna).

Die Lehrreden, die der Buddha diesbezüglich hielt, bilden die Grundlage aller Lehren der meditativen Traditionslinien der Theravada-Schule des Buddhismus. Die allerhöchste Stellung innerhalb der Hierarchie der zu-entwickelnden Fähigkeiten nimmt die innere wie die äußere Beweglichkeit ein.

 

(Pardon, der restliche Text ist noch in Bearbeitung und wird in Kürze hier veröffentlicht!)

(Verantwortlich für diese Übertragung aus dem englischen Original: M. Bergweiler, 2004)

 


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